KI kann (auch) Mode, aber nicht Haltung
Warum künstliche Intelligenz kein Ersatz für Kreativität ist, sondern ein neues Handwerk
Ein ehemaliger Designer lässt KI eine Streetwear-Marke bauen. Sieben Tage. Volles Toolset. Das Ergebnis: null Umsatz.
Ernüchternd? Ja. Überraschend? Eigentlich nicht.
Denn genau hier liegt das Missverständnis, das wir gerade in fast jeder Branche sehen – ob Mode, Softwareentwicklung oder Produktmanagement:
KI wird entweder als magische Abkürzung oder als existenzielle Bedrohung gesehen. Beides ist falsch.
KI ist kein Schöpfer. Sie ist ein Werkzeug.
Die Ausgangsfrage war simpel:
Kann eine KI eine erfolgreiche Streetwear-Marke aufbauen?
John Santos, ehemaliger Modedesigner und heute Berater, wollte es wissen. Also ließ er KI alles übernehmen, was vermeintlich „kreativ“ ist: Naming, Brand-Story, Designs, Ads, Go-to-Market. Unterstützt von bekannten Tools, sauber orchestriert, methodisch korrekt.
Das Resultat:
Eine Marke mit dem vielsagenden Namen „Zero Proof“ – und exakt null Verkäufen.
Nicht, weil die Tools schlecht waren.
Sondern weil Vision, Haltung und Geschmack nicht aus Prompts entstehen.
Das ist kein Modeproblem. Das ist ein Strukturproblem.
Was hier in der Mode sichtbar wird, erleben wir gerade 1:1 in der Softwareentwicklung.
KI kann heute:
- Code schreiben
- Tests generieren
- Tickets zusammenfassen
- Architekturen vorschlagen
Aber sie kann nicht:
- Produktverantwortung übernehmen
- Nutzerprobleme priorisieren
- Trade-offs bewerten
- eine klare Richtung vorgeben
Genau wie in der Mode gilt auch in Tech:
Wenn du weißt, was du bauen willst, beschleunigt KI dich massiv.
Wenn du es nicht weißt, skaliert KI nur Beliebigkeit.
Oder härter formuliert:
KI ersetzt keine schlechten Entscheidungen – sie produziert sie nur schneller.
Kreativität war nie „schnell“
Ein spannender Punkt aus dem Experiment: Viele glauben, KI mache Kreativität automatisch schneller.
Stimmt nicht.
Ein erfahrener Kreativer beschrieb es treffend:
„Für belanglosen Output ist KI schnell. Für gutes Zeug brauchst du Geduld, Iteration und Erfahrung.“
Das ist exakt das, was wir aus Produktentwicklung kennen.
Ein Feature ist schnell gebaut.
Ein gutes Feature braucht Kontext, Feedback, Reibung und Iteration.
KI nimmt dir Arbeit ab – aber sie nimmt dir nicht die Verantwortung ab, was du eigentlich erreichen willst.
Die eigentliche Angst ist nicht KI
Die eigentliche Angst ist Austauschbarkeit.
Wenn KI-generierte Models, Kampagnen oder Designs Empörung auslösen, dann nicht, weil sie technisch schlecht sind.
Sondern weil sie ein Gefühl triggern:
„Wenn das reicht, wofür braucht man mich dann noch?“
Diese Angst ist real.
Aber sie richtet sich an die falsche Adresse.
Nicht die Technologie macht Menschen überflüssig.
Sondern Organisationen, die glauben, Kostenreduktion sei eine Strategie.
Das haben wir schon öfter gesehen:
- bei Offshoring
- bei Automatisierung
- bei Plattform-Ökonomie
Und trotzdem gilt:
Die wertvollsten Menschen waren am Ende immer die, die Werkzeuge beherrschen konnten, statt sie zu verteufeln.
KI ist das neue Handwerk
Wir haben das schon einmal erlebt.
- Fotograf:innen hatten Angst vor Digitalkameras
- Entwickler:innen vor High-Level-Sprachen
- Designer:innen vor Templates
Und trotzdem sind nicht die Werkzeuge entscheidend geworden, sondern:
- Geschmack
- Urteilsvermögen
- Erfahrung
- Kontextverständnis
KI ist kein Künstler.
Sie ist Pinsel, Kamera, Compiler in einem.
Wer sie nicht nutzt, wird langsamer.
Wer glaubt, sie ersetze Haltung, wird irrelevant.
Warum Designer, Entwickler und Produktmenschen weiter gebraucht werden
KI versteht keine:
- Passform
- Zielgruppe
- Produktstrategie
- technische Schulden
- langfristigen Konsequenzen
Sie kann Vorschläge machen.
Aber sie kann nicht entscheiden, welcher Vorschlag richtig ist.
Genau deshalb bleibt menschliche Kreativität relevant nicht als romantisches Ideal, sondern als entscheidender Filter.
Das eigentliche Learning aus dem Experiment
Nein, man kann keine profitable Brand in sieben Tagen bauen, auch nicht mit KI.
Aber man kann:
- schneller visualisieren
- günstiger testen
- früher lernen
KI senkt die Einstiegshürden.
Sie senkt nicht die Anforderungen an Klarheit.
Und das ist eigentlich eine gute Nachricht.
Mein Fazit
KI ist kein Gegner.
Sie ist ein Werkzeug, das man lernen muss, wie jedes neue Handwerk.
Wer Angst hat, ersetzt zu werden, sollte sich nicht gegen KI positionieren.
Sondern gegen Beliebigkeit.
Denn am Ende gilt in Mode wie in Software:
Tools skalieren das, was schon da ist.
Wenn da nichts ist, skaliert KI genau das: nichts.
Challenge yourself. Learn the tool.
And then inspire others by using it with Haltung.

